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André Boeing / Cyberhippie

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Virthuater

Virthuater – Erster Abend und Übungen

Der erste Abend einer experimentellen, virtuellen Theatergruppe fand am Mittwoch Abend in der World of Warcraft statt.

Virtuelles Theater scheint zunächst schwer vorstellbar, da kein Körper involviert ist. Das „ent-körperte Theater“ in virtuellen Welten ist ein immersives Rollenspiel-Theater, das auf einer variationsreichen 3D Bühne auf den Monitoren der Gamer und Zuschauer/innen spielt. Die Immersion und „Medientrance“ vermag dem virtuellen Theater seine Erfahrungstiefe zu schenken. Man könnte auch sagen, Virthuater ist live inszeniertes und improvisiertes 3D Fernsehen im Animé Stil. Der Unterschied liegt im  letzen Bild jedoch darin, dass die Zuschauer selbst Teil des Spiels werden können. Die Distanz Spieler/Zuschauer schwindet.

Wie ich im letzten Beitrag schon schrieb: Virthuater lässt sich auch als „Puppentheater“ des Informationszeitalters verstehen. Die Spieler/innen steuern ihre Marionetten, Avatare, Charaktere nicht durch hauch-dünne Bändchen an einem Kreuz – sondern durch Tastenkombinationen mit der linken Hand, Mausbewegungen mit der Rechten und die Icons der Effekte.

Raum, Bewegung, Staccato und Flow
Wir begannen am Abend mit Übungen, die im „echten“ Theater der Lockerung des Körpers dienen. Wir liefen und rannten die Bühne ab – zurück, vor, seitlich, umeinander herum. Eine Besonderheit in der World of Warcraft: Spielerkörper kolldieren nicht miteinander sondern laufen normalerweise durch den anderen hindurch. Ein Ziel unserer Übung war dabei, unsere Ausweichkünste zu verfeinern, um körperliche Kollision zu simulieren.

Präsenz – Du, Ich, Wir
Nach den Raum- und Bewegungsübungen gingen wir zur „Präsenz“ über. Ziel war es, seine Gegenüber zu grüßen – in unterschiedlichen Variationen. Für solche Zwecke bietet World of Warcraft verschiedene Emotes, die den Spielerkörper animieren – teilweise mit Sprachausgabe. „/salute, /grüßen, /verbeugen /winken /respekt /hello “ sind einige der Befehle, die einer Begrüßung zur Verfügung stehen und in das Chatfenster eingegeben werden können.

Nach dem Grüßen der Anderen stellte sich nun jeder Einzelne der Gruppe vor. Name, Titel und ein imposanter Abschluss, bei dem ein spektakulärer Zauber gewirkt oder sonstige Effekte „angehängt“ werden konnten.

Auf einer tropischen Insel bildeten wir einen Kreis um einen kleinen Hügel, der nun 2 bis 3 Darstellern als Bühne diente, während der Rest drumherum das Schauspiel betrachtete. Bei den improvisierten Szenen ging es unter anderem darum, aus seiner Komfortzone als Rollenspieler heraus zu kommen und eine Rolle zu spielen, die uns normalerweise nicht liegt, oder entgegen unserer üblichen Handlungen ist.

So mutierte z.B. der lamm-fromme, zölibatäre Priester, den ich normalerweise spiele, zum gewalttätigen Macho-Ehemann, der schlussendlich doch handfest seiner cholerischen Ehefrau unterlag. Eine berührende, intime Todesszene im Abschied zweier Freundinnen folgten. In einem anderen Stück trafen  zwei Stadtwachen auf eine verrückte Frau und fanden sich im Konflikt zwischen „Authorität“ und „Beruhigen wollen“.

Am nächsten Mittwoch wollen wir zudem „Unsichtbares Theater“ praktizieren. Spieler in zweier- und Dreigruppen werden mit bestimmten Themen (z.B. Wanderprediger, Stadtwachen, Bettler) in die stark belebten Städte ziehen und an diversen Orten ihr Theater improvisieren. Für die „ganz normalen“ Wacrarft Gamer werden so Brüche in ihrem üblichen Spielalltag inszeniert. Sie können mit in das Spiel einsteigen.
In den ersten Übungsabenden geht es zunächst einmal um die Steigerung der Ausdruckskraft mit der virtuellen Marionette und die Entfaltung der Theaterspielfreude.

Man mag meinen, dass einem der geschützte Raum einer Computerspielwelt die üblichen Hemmungen von Selbstausdruck und Spontantheater nimmt – weil wir ja nicht „Real“ da sind und uns keiner „wirklich“ kennt. An diesem Abend war es spannend zu erleben, dass sich ähnliche Muster bei der virtuellen Theatergruppe zeigten, die mir von damaligen „echten“ Theatergruppen vertraut waren. Jemand blieb z.B. bei den Geh- und Vorstellungsübungen zunächst gehemmt am Rand stehen. Eine andere sagte, sie brauche vor einem „öffentlichen“ Spontantheater noch Zeit, freier im Ausdruck zu werden.

Chancen, Heilkraft und Möglichkeiten des virtuellen Theaters – in der nächsten Woche gibt es den nächsten Report.

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Virthuater – Erster Abend und Übungen

Der erste Abend einer experimentellen, virtuellen Theatergruppe fand am Mittwoch Abend in der World of Warcraft statt.

Einige der Schauspieler

Virtuelles Theater scheint zunächst schwer vorstellbar, da kein Körper involviert ist. Das „ent-körperte Theater“ in virtuellen Welten ist ein immersives Rollenspiel-Theater, das auf einer variationsreichen 3D Bühne auf den Monitoren der Gamer und Zuschauer/innen spielt. Die Immersion und „Medientrance“ vermag dem virtuellen Theater seine Erfahrungstiefe zu schenken. Man könnte auch sagen, Virthuater ist live inszeniertes und improvisiertes 3D Fernsehen im Animé Stil. Der Unterschied liegt im  letzen Bild jedoch darin, dass die Zuschauer selbst Teil des Spiels werden können. Die Distanz Spieler/Zuschauer schwindet.

Wie ich im letzten Beitrag schon schrieb: Virthuater lässt sich auch als „Puppentheater“ des Informationszeitalters verstehen. Die Spieler/innen steuern ihre Marionetten, Avatare, Charaktere nicht durch hauch-dünne Bändchen an einem Kreuz – sondern durch Tastenkombinationen mit der linken Hand, Mausbewegungen mit der Rechten und die Icons der Effekte.

Raum, Bewegung, Staccato und Flow
Wir begannen am Abend mit Übungen, die im „echten“ Theater der Lockerung des Körpers dienen. Wir liefen und rannten die Bühne ab – zurück, vor, seitlich, umeinander herum. Eine Besonderheit in der World of Warcraft: Spielerkörper kollidieren nicht miteinander sondern laufen normalerweise durch den anderen hindurch. Ein Ziel unserer Übung war dabei, unsere Ausweichkünste zu verfeinern, um körperliche Kollision zu simulieren.

Präsenz – Du, Ich, Wir
Nach den Raum- und Bewegungsübungen gingen wir zur „Präsenz“ über. Ziel war es, seine Gegenüber zu grüßen – in unterschiedlichen Variationen. Für solche Zwecke bietet World of Warcraft verschiedene Emotes, die den Spielerkörper animieren – teilweise mit Sprachausgabe. „/salute, /grüßen, /verbeugen /winken /respekt /hello “ sind einige der Befehle, die einer Begrüßung zur Verfügung stehen und in das Chatfenster eingegeben werden können.

Nach dem Grüßen der Anderen stellte sich nun jeder Einzelne der Gruppe vor. Name, Titel und ein imposanter Abschluss, bei dem ein spektakulärer Zauber gewirkt oder sonstige Effekte „angehängt“ werden konnten.

Auf einer tropischen Insel bildeten wir einen Kreis um einen kleinen Hügel, der nun 2 bis 3 Darstellern als Bühne diente, während der Rest drumherum das Schauspiel betrachtete. Bei den improvisierten Szenen ging es unter anderem darum, aus seiner Komfortzone als Rollenspieler heraus zu kommen und eine Rolle zu spielen, die uns normalerweise nicht liegt, oder entgegen unserer üblichen Handlungen ist.

So mutierte z.B. der lamm-fromme, zölibatäre Priester, den ich normalerweise spiele, zum gewalttätigen Macho-Ehemann, der schlussendlich doch handfest seiner cholerischen Ehefrau unterlag. Eine berührende, intime Todesszene im Abschied zweier Freundinnen folgten. In einem anderen Stück trafen  zwei Stadtwachen auf eine verrückte Frau und fanden sich im Konflikt zwischen „Authorität“ und „Beruhigen wollen“.

Am nächsten Mittwoch wollen wir zudem „Unsichtbares Theater“ praktizieren. Spieler in zweier- und Dreigruppen werden mit bestimmten Themen (z.B. Wanderprediger, Stadtwachen, Bettler) in die stark belebten Städte ziehen und an diversen Orten ihr Theater improvisieren. Für die „ganz normalen“ Wacrarft Gamer werden so Brüche in ihrem üblichen Spielalltag inszeniert. Sie können mit in das Spiel einsteigen.
In den ersten Übungsabenden geht es zunächst einmal um die Steigerung der Ausdruckskraft mit der virtuellen Marionette und die Entfaltung der Theaterspielfreude.

Man mag meinen, dass einem der geschützte Raum einer Computerspielwelt die üblichen Hemmungen von Selbstausdruck und Spontantheater nimmt – weil wir ja nicht „Real“ da sind und uns keiner „wirklich“ kennt. An diesem Abend war es spannend zu erleben, dass sich ähnliche Muster bei der virtuellen Theatergruppe zeigten, die mir von damaligen „echten“ Theatergruppen vertraut waren. Jemand blieb z.B. bei den Geh- und Vorstellungsübungen zunächst gehemmt am Rand stehen. Eine andere sagte, sie brauche vor einem „öffentlichen“ Spontantheater noch Zeit, freier im Ausdruck zu werden.

Chancen, Heilkraft und Möglichkeiten des virtuellen Theaters – in der nächsten Woche gibt es den nächsten Report.

Verbeugung nach der Vorstellung

Virthuater – Theater in sozialen Spielwelten als Spiel im Spiel

die weekly Theatergruppe in der World of Warcraft

Im letzten November betrat ich nach mehreren Monaten Abwesenheit erneut die virtuelle Bühne der World of Warcraft.
Meine Rollenspiel-Gemeinschaft (Gilde) feierte ihr einjähriges Bestehen und als Gründer wurde ich zum Festmahl in die Taverne „Zum Eremiten“ in der Metropole Sturmwind geladen.

Da saß ich also vor ein paar Dutzend echten Menschen in ihren virtuellen Personas (Masken) – aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Teenager, Twents, Ü30er und Ü40er – Schüler, Studenten, Arbeitslose, Mütter, Väter, Fachinformatiker und Projektmanager – ein bunter Mix in einer bunten Anderswelt.

Hier und Heute schaue ich auf weitere drei Monate Sozialleben in meiner virtuellen Gemeinschaft zurück. Erst vor drei Wochen fiel mir etwas wie Schuppen von den Augen, das die ganze Zeit über offensichtlich hätte sein müssen. Bis 1999 war ich als Pantomime, Clown und Moderator tätig und gab zahlreiche Workshops im kreativen Selbstausdruck und Theater. Vieles, das mir in den letzten Monaten auf der virtuellen Bühne begegnete, ist mir aus den damaligen physischen Bühnen vertraut.  Ist eine Medienpädagogik in sozialen Spielwelten etwa im Kontext der Theaterpädagogik besser aufgehoben ?

Wenn wir als 3D Schauspieler zum Beispiel zur letzten Wintersonnenwende einen Lichterzug inszenieren und als „Flashmob“ von 30 Darstellern einen „Bruch“ im üblichen Spielablauf der Warcraftler in Szene setzen, sich viele Spieler dieser seltsamen Gruppe anschließen, die mit Laternen langsam in eine Schneelandschaft wandert (üblicherweise wird in World of Warcraft nur gerannt und geritten) und dort im großen Kreis multi-religiöse Gebete zur Begrüßung des neuen Lichts spricht – gleichen wir dann nicht eher einer „sakralen“ Theatergruppe die mit Riten experimentiert ?

Echte Spieler/innen in ihren virtuellen Masken (Personas)

Wenn Studenten in ihrer Freizeit eine Führungsrolle als Ratsmitglied in einer Gilde übernehmen und ihre ersten positiven wie negativen Erfahrungen als politische Führungskraft machen, Entscheidungen treffen müssen, die eine vorherige Installation von Entscheidungsinstanzen benötigen (Mehrheitsbeschluss aller Mitglieder oder Konsens der Ratsmitglieder ? etc.) – finden wir darin nicht Elemente aus dem legislativen Theater wieder – aus dem Theater der Unterdrückten von Augusto Boal ?

Wenn ein junger, körperbehinderter Student sich als virtuelle Frau im Beziehungsleben mit anderen Frauen ausprobiert und dabei auf seine echten Eifersüchte, Verlustängste und emotionalen Kontrollmechanismen trifft, schenkt ihm dann dieses „Systemische Theaterspiel mit Hellinger Elementen“ – wenn es reflektiert wird – spielerisch erprobte Lebenserfahrung für sein Realleben ?

Wenn unsere virtuelle Theatergruppe unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“ das übliche Spielschema Allianz gegen Horde (oder z.B. Israelis gegen Palästinenser) bricht, Wege der Friedensbildung erprobt, Vorurteile und Fremdenhass thematisieren – praktizieren sie dann nicht ein Friedenstheater im geschützten Raum einer Konfliktsimulation ?

„Funktioniert denn Theater ohne Körper – rein virtuell – überhaupt ?“ mögen wir zweifelnd fragen. Was die inneren, manchmal sehr realistischen, emotionalen Erfahrungen durch das virtuelle, immersive Rollenspiel zeigen, spricht für ein klares „Ja!“. Was die „Köpertechnik“ betrifft, sind wir bildlich im Puppentheater gut aufgehoben. Auch in dieser Theaterform sehen wir den eigentlichen Schauspieler nicht, sondern nur seinen „Avatar“ – durch hauchdünne Fäden gelenkt. Im virtuellen Theaterspiel entspricht das den Icons, Tasten und Mausbewegungen, mit den wir z.B. Bewegungen wie Laufen, Rennen, Liegen, Sitzen, Tanzen und sogenannte Emotes wie Weinen, Zorn, Lachen wirken können. Auf dem Bild oben sehen wir auch die Requisite für den Lichterzug, die sich unsere Spieler zusammen besorgt haben: Kostüme, Laternen, Lagerfeuer, Lichtkegel, die erst dann auf der „Bühne“ erscheinen, wenn wir sie auslösen.

Meine zentrale These zu den virtuellen Spielwelten (MMO´s oder MMORPG – Massive Multiplayer Online Role Playing Games) ist, dass sie sich wunderbar als Sozialsimulationen eignen, weil sie durch ihre von echten Spielern geteilten Medienökologien mit riesigen Kontinenten, Markt Ökonomien, fiktiven Völkern, Gruppierungen und bewaffneten Konflikten ein Abbild der Realwelt sind. 100 Millionen Spieler weltweit, die 20h+ pro Woche in sozialen Spielwelten „leben“ – das macht 2 Milliarden Stunden pro Woche – eine unglaubliche, partizipatorische Bandbreite. Wenn es uns gelingt, auch nur einen Bruchteil dieser Stunden für eine simulierte, spielerische Beschäftigung mit den Themen der Realwelt abzuzweigen, liegt darin ein großer Wert. Die Pädagogik hat die kreative Verantwortung und Chance, alternative Spielweisen innerhalb der vorhandenen Infrastruktur populärer Spiele zu entwickeln und anzubieten.

Bisher siedelte ich meine experimentelle Arbeit in den Sozialsimulationen im Bereich der kreativen Medienpädagogik an. Heute aber muss ich erkennen, dass ich mit der Theaterpädagogik, ihren wunderbaren Ansätzen und Wegen auf den virtuellen Bühnen besser bedient bin. Im ersten „Akt“ meiner neuen Ausrichtung experimentiere ich mit einer „Übersetzung“ der Techniken aus dem Theater der Unterdrückten in unsere virtuelle Bühnenwelt. Innerhalb von zwei Tagen haben sich bereits 10 Teilnehmer/innen zu einer wöchentlichen Virthuater-Gruppe in der World of Warcraft angemeldet

Mit großer Spannung erforsche ich also nun das Potential des Virthuaters als heilsames Lernspiel im Spiel und berichte in Kürze über die ersten Ergebnisse.

 

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