Artikel für die September Ausgabe des eZines auf http://www.internetseelsorge.de

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Als heute 35 Jähriger fiel meine Teenagerzeit mit der PC Revolution zusammen, die zur Grundlage des heutigen Social Media Space wurde. Ein Medienraum, in dem sich mein 9jähriger Sohn an der Schwelle seiner Teenager Jahre heute ganz natürlich bewegt.

Die damalige Medienlandschaft sah für mich als frischer Teenie noch so aus:


Da gab es die professionelle Medienindustrie, die über drei Fernsehkanäle, das Radio und die Zeitung Einwegmedien für uns als voneinander getrennte Masse produzierte. Wir konnten nicht direkt zurück kommunizieren, nicht mit den anderen Medienkonsumenten weltweit während der Sendung im Dialog sein – geschweige denn unsere eigene Fernsehsendung, unsere Zeitung (Blog) oder Radio (Podcasts) aus dem Wohnzimmer senden – unserer Botschaft ebenso wirksam Ausdruck und Profil geben wie die „Großen“.


Von den Einwegmedien zum Social Media Space.

Die „professionelle“ Medienindustrie ist nun Teil eines größeren Raumes, den sich Laien und „Professionals“ gemeinsam teilen. Über verschiedenste Endgeräte stehen wir Medienkonsumenten gleichzeitig als Produzenten miteinander in vernetzter Verbindung. So mancher Laie ist im Social Media Space als Professional anerkannt, während so manch Professional seine Laienhaftigkeit eingestehen muss.

Die Medienindustrie des ersten Bildes hat sich vom reinen Anbieter von Medieninhalten zum Dienstleister für Werkzeuge und mediale „Profil“räume zur Erstellung und Verbreitung von Inhalten gewandelt.

An den beiden Illustrationen ist nicht etwa die technische Web 2.0 (r)Evolution so interessant. Die Meta Ebene, der Paradigmen Wechsel, der dort sichtbar wird ist das eigentlich Faszinierende und Inspirierende.

Kirche – statische Site oder dynamisches Social Network ?

Wenn Kirche eine statische Site wäre, so würde sie eine bezahlte, professionelle Mannschaft beschäftigen, die verschiedenste Inhalte sorgfältig recherchiert, aufbereitet, präsentiert und vorgibt. Ein poliertes Image auf der „Über uns“ Page – Vorgaben und Richtlinien für Mitglieder, ausgewählte Thementexte, usw. Die Institution Kirche produziert wie im ersten Bild „Kirche“ für die Masse der Gläubigen und potentiell Gläubigen.

Wenn Kirche ein dynamisches Social Network wie Facebook wäre, so würde sie Hauptberufliche beschäftigen, deren Aufgabe es ist, eine offene Plattform und Werkzeuge zu schaffen, auf der Mitglieder „Profil“ zeigen und ihren Inhalten – ihrem Glaubenszeugnis über verschiedenste Medien Ausdruck geben können. Das Social Network bietet Raum für die Erforschung von und Suche nach „Inhalt“. Es bietet Raum für Gruppen zu verschiedensten Themen. Es fördert Vernetzung zwischen einzelnen Mitgliedern und Gruppierungen. Es zeigt dem Individuum: Deine Stimme – dein Zeugnis – deine Verbindungen sind wichtig, wertvoll und geschätzt.

Wir mögen einwerfen, ob denn Sinn, Wahrheit und Weisheit automatisch da entstehen, wo die Große Masse plötzlich eine Stimme erhält. Führen massenweise Botschaften nicht zu einem chaotischen Wirrwarr, einem relativistischen Raum bei dem das einheitliche „Wer sind wir als Kirche?“ verloren geht in der Profilierung Einzelner (Gruppierungen) ?
Entstehen durch die ganzen Groups nicht gefährliche Strömungen und Sekten in der Großkirche ?

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Zwang und Kontrolle funktionieren nicht mehr. Weder im medialen Raum, noch im religiösen. Jeder Versuch führt zu einer neuen Rebellion der Basisgemeinden, zu einem „sich abwenden“, zur Spaltung. So wie die Medienkompetenz – Multimedia lesen und schreiben können – zur Gabe der Unterscheidung in der Informationsflut führt, so führt die religiös-spirituelle Kompetenz zur Gabe der Unterscheidung in der Flut religiöser Botschaften. Bewusst Sein ist hier der Schlüssel. Social Networks können Bewusstsein und Achtsamkeit fördern – gerade durch die Vielfalt ihrer Mitgliederprofile. Gute „Groups“ sind vom Geist einer Dialogkultur geprägt,
nicht von der übermächtigen Kontrolle der Gruppengründer.

Das Ende der Unterscheidung zwischen Laien und Professionals

Abschließend möchte ich nochmals meine persönlichen Gedanken zum „Wie der Social Media Space Kirche inspirieren kann“ zusammen fassen.
Eine Bildbetrachtung der Illustrationen oben führt sie, liebe(r) Leser(in) auf ihre eigene Gedankenspur. Die institutionelle Kirche mit ihren bürokratischen Strukturen entwickelt sich vom reinen Anbieter von Glaubensinhalten zu einem Dienstleister – einer dienenden Instanz, die ihren Mitgliedern & Besuchern vernetzte Plattformen und Werkzeuge für die Erforschung, den
Ausdruck und die Weitergabe von Glaubenswegen und -zeugnissen ermöglicht. Dabei moderiert sie den Dynamischen Fluss der Mitglieder.
Die „Laienkirche“ erkennt ihre Mündigkeit an, vernetzt sich zu Gruppen und Gemeinden , übernimmt Aufgaben, erforscht Inhalte, fördert eigene Kompetenzen und gibt ihren individuellen Stimmen Ausdruck.

Die Unterscheidung zwischen Professionals und Laien kann vollständig verschwinden. Rollen und Aufgaben, sowie authentische Profile und Kompetenzen Einzelner bilden das Social Network der einen Kirche.

Einwegpfeile oder rundes Brot ? Was schenkt dem Weg unserer Kirche durch das 21. Jahrhundert Kraft?